Zwischen Kraft und Verletzlichkeit

Zwischen Kraft und Verletzlichkeit

Freitag, Mai 1, 2026

Ein Wiedersehen mit Marino Marini in Venedig 

Vor einigen Wochen, Mitte Februar 2026 - mit meinem Freund, stand ich im Peggy Guggenheim Museum in Venedig vor einer Skulptur, die mich schon beim ersten Blick still werden ließ. Marinos Reiter – aufgerichtet, gespannt, voller Energie – wirkte, als würde er den Raum nicht nur einnehmen, sondern aufladen. Diese Mischung aus Vitalität, Menschlichkeit und einer fast archaischen Kraft hat mich erneut in den Bann gezogen.

Es war nicht mein erster Kontakt mit Marinis Werk. Mit 24 Jahren begegnete ich seinen Figuren zum ersten Mal, damals in Heidelberg, im Atelier eines Künstlers, der Marini als eines seiner großen Vorbilder sah. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl: als würde jemand eine Tür öffnen zu einer Welt, in der Körper, Natur und Emotionen in einem einzigen, klaren Moment zusammenfallen. Seitdem begleitet mich Marinis Blick auf den Menschen – und vielleicht hat er mich stärker geprägt, als mir lange bewusst war.

In Venedig wurde mir das wieder deutlich. Die Skulptur dort – roh und zugleich fein, kraftvoll und doch verletzlich – erzählt von der Spannung zwischen Mensch und Natur, zwischen Kontrolle und Hingabe. Der Reiter wirkt nicht wie ein Herrscher, sondern wie jemand, der sich einer größeren Kraft anvertraut. Das Pferd ist kein Symbol des Triumphs, sondern ein lebendiges Wesen, voller Energie, voller Eigenwillen. Und irgendwo dazwischen entsteht ein Moment, der fast körperlich spürbar ist: ein Aufbäumen, ein Sich‑Öffnen, ein Sich‑Ausliefern.

Diese Verbindung von Kraft und Verletzlichkeit, von Vitalität und existenzieller Unsicherheit, berührt mich jedes Mal aufs Neue. Vielleicht, weil sie etwas zutiefst Menschliches zeigt. Vielleicht auch, weil sie eine Form von Ehrlichkeit besitzt, die in der Kunst selten geworden ist.

Je länger ich vor Marinis Reiter stand, desto deutlicher wurde mir, wie sehr mich diese Begegnung auch in meinem eigenen Arbeiten bestätigt. In meiner Apfelserie geht es – wie bei Marini – nicht um Ideale, sondern um Individualität. Um den einzelnen Menschen, seinen Körper, seine Geschichte, seine Verletzlichkeit. Ich suche nicht nach dem perfekten Mann, sondern nach dem ehrlichen, dem gegenwärtigen, dem menschlichen.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich meine Arbeit mit Marinis Denken berührt: die Empathie für das Unvollkommene, das Ungeglättete, das Echte. Ein Männerbild, das nicht über Kraft definiert ist, sondern über Würde, Sensibilität und die Fähigkeit, sich der Welt zu öffnen – auch wenn das Risiko der Verletzung immer mitschwingt.

Der Apfel wird in meinen Arbeiten zu einem Spiegel dieser inneren Zustände. Er steht für Reife, für Erfahrung, für das Leben jenseits der glatten Oberfläche. Für Versuchung und Erkenntnis, aber auch für Vergänglichkeit und Schönheit. Und manchmal – wie bei Marinis Reitern – entsteht genau in dieser Spannung ein Moment von Wahrheit: ein kurzer Augenblick, in dem Körper, Natur und Emotionen miteinander sprechen.

Vielleicht ist das der Grund, warum mich die Skulptur in Venedig so tief berührt hat. Sie hat mir gezeigt, dass Kunst über Jahrzehnte hinweg Resonanzen erzeugen kann – leise, aber kraftvoll. Und dass die Themen, die mich in meiner Apfelserie beschäftigen, Teil eines größeren, zeitlosen Dialogs sind: über Menschlichkeit, über Identität, über das fragile Gleichgewicht zwischen Stärke und Verletzlichkeit.

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